Kultur ist das, wo ich (nicht) bin

‚Das’ Klassikpublikum in Deutschland ist eine schwierig zu erfassende Größe. Die demografische Entwicklung in Deutschland spiegelt sich auch in der Publikumszusammensetzung klassischer Konzerte wider. Dabei setzt sich das Publikum fast ausschließlich aus den drei gehobenen gesellschaftlichen Leitmilieus zusammen: Etablierte, Postmaterielle und moderne Performer. Die übrigen Mittelschicht- und Unterschichtmilieus sind dagegen kaum vertreten. Der Kernkulturnutzer hat zudem meist einen höheren Bildungshintergrund. Das Bildungsniveau als Einflussfaktor auf kulturelle Partizipation hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Insgesamt gehören lediglich ca. 8% der deutschen Bevölkerung zu den regelmäßigen Nutzern der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen. Zwischen 35 bis 40% werden als Gelegenheitsnutzer eingestuft. Den größten Anteil stellen die Nicht-Nutzer (solche die nie oder selten kulturelle Angebote nachfragen und sich hierfür auch nicht interessieren) mit über 50% der Bevölkerung. Dabei unterscheiden sich Nutzer und Nicht-Nutzer in ihrer soziodemographischen Zusammensetzung deutlich. Nicht-Nutzer haben beispielsweise einen deutlich niedrigeren Bildungshintergrund (48% sind Hauptschulabsolventen) und Haushaltsnettoeinkommen (50% unter 2.500 Euro). Diese Zahlen verdeutlichen, dass die öffentliche Bereitstellung eines großen Kulturangebots bei hoch subventionierten Eintrittspreisen allein nicht ausreicht, um eine breite Bevölkerung im Sinne von Kultur für Alle am öffentlichen Kulturleben teilhaben zu lassen.

Nach wie vor sind die Zugangsbarrieren für Nicht-Nutzer hoch. Dabei wird die Annahme, dass Klassische Musik langweilig, angstrengend und nicht zu verstehen ist, weil man nicht über die nötige Bildung verfügt, oftmals als Grund für das Fernbleiben angegeben. Auch die Angst, dass die Musik nicht zum eigenen Lebensstil passt (keiner der Freunde und Bekannten nutzt Kulturangebote) und man nicht über die richtigen Umgangsformen oder kulturellen Codes im Zusammenhang mit Kultur verfügt, ist als ernstzunehmende Barriere miteinzubeziehen. Als Erwartungen an einem Kultur-besuch werden im Gegenzug 1. eine gute Unterhaltung, 2. etwas live erleben, 3. Eine gute Atmosphäre angegeben. Dabei stehen auch – unabhängig vom Bildungsgrad und vom Alter – Bedürfnisse nach besonderen Erlebnissen und sozialem Zusammensein im Vordergrund.

Weiterhin bestätigen sämtliche Studien die gängige Metapher des ‚Silbersee’ für das ergrauende älter werdende Konzertpublikum: Das Durchschnittsalter liegt zwischen 55 und 60 Jahren. Vor allem die zwischen 1948 und 1957 Geborenen stellen die größte Gruppe der Konzertbesucher. Auch 64% aller Klassik-CDs werden von Menschen über 50 Jahre gekauft. Nach Untersuchungen von Thomas K. Hamann ist das Durchschnittsalter in den vergangen 20 Jahren sogar dreimal so schnell angestiegen (um ca. 11 Jahre) wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (ca. 3,4 Jahre).

The stereotypical audience seen at a classical concert are the elderly and greying end of the population and not teenagers and young people. Similarly, there are more grey haired performers in a symphony orchestra than any other colour. This image prevents a younger audience from feeling that it is the right place for them to be seen at. (Bethan Winter)

Während die Altersgruppen über 50 überdurchschnittlich vertreten sind, sind die jüngeren Altersgruppen deutlich unterrepräsentiert. Eine 2014 veröffentlichten Forsa-Umfrage der Körber-Stiftung hat ergeben, dass zwar für 88% der Deutschen klassische Musik ein wichtiges kulturelles Erbe darstellt, aber nur jeder Fünfte im vorausgegangenen Jahr auch ein klassisches Konzert besucht hat. Kultur ist also wichtig, hat jedoch nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Von den unter 30-Jährigen besuchte sogar nur jeder zehnte eine Aufführung klassische Musik, also lediglich 20%. In der selben Studie gaben immerhin 84% der befragten jungen Menschen an, dass auch sie klassische Musik für ein wichtiges kulturelles Erbe halten. 56% allerdings haben selbst keinen Kontakt mit klassischer Musik, sie haben noch kein Konzert besucht und, spielen selbst kein Musikinstrument oder und singen nicht im Chor.

Während eine Untersuchung aus dem Jahr 1972 noch ergab, dass von den befragten 14- bis 21-Jährigen immerhin 13% mindestens ein klassisches Konzert im Jahr besucht hatten, zeigte eine Studie der ARD-Mediaforschung Ende der 1990er Jahre, dass von den befragten 14- bis 19-Jährigen lediglich 4,1% eine Präferenz für klassische Musik angaben.

Diese demographischen Entwicklungen des Publikums klassischer Konzerte werfen einige Fragen auf und zeigen, dass die Hauptbesucher nämlich vermehrt die über 60-Jährigen sind. Gleichzeitig fällt die Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen als Besucher von Klassikkonzerten fast gänzlich aus und die 41- bis 59-Jährigen sind bereits abseits des bildungsbürgerlichen Kanons mit Pop- und Rockmusik sozialisiert worden und als für die Klassik verlorene Generation abgeschrieben.

Aber ist das Konzertwesen tatsächlich vom Altern des Publikums und einem damit verbundenen Publikumsrückgang betroffen? Zunächst deuten die demographischen Entwicklungen darauf hin, dass das ältere Publikum in naher Zukunft voraussichtlich wachsen wird und sich damit die Besucherzahlen zunächst stabilisieren werden. Diese Beobachtung korrespondiert mit dem allgemeinen demografischen Wandel. In einer alternden Gesellschaft ist eben auch ein überproportionaler Zuwachs an Besuchern fortgeschrittenen Alters zu verzeichnen. Doch spätestens ab 2030 ist ein Strukturwandel zu erwarten, denn dann werden die weniger klassikaffinen Generationen ins „Hauptnutzungsalter klassischer Musik“ vorrücken. Es lässt sich also sagen, dass sich momentan – zumindest was das Publikum betrifft – sich die klassische Musik nicht in einer besonderen Krise befindet. Bei unveränderten Bedingungen ist auf langer Sicht jedoch mit einem gravierenden Publikumsschwund zu rechnen.