Neue Alte Musik

Die historische oder historisch informierte Aufführungspraxis ist heute ein fester Bestandteil des internationalen Konzertbetriebs. Doch gleichzeitig scheint für den anfänglichen Pioniergeist, den Mut zum Experiment, die Lust auf die Entdeckung neuer Ensembles, Formate und Repertoires – all das, was den Geist der „Alten-Musik-Szene“ als subversive, ikonoklastische Bewegung in ihren Anfängen eigentlich ausmachte – nur wenig Platz zu sein. Wie kann die Alte-Musik-Szene zurück zu ihren Wurzeln finden und Risiken eingehen, mutig und unorthodox sein, ja sogar innerhalb der Zwänge eines etablierten internationalen Marktes provozieren und weiterhin innovativ sein?

„Wir befinden uns historisch gesehen an einem interessanten Punkt. Alte Musik war anfangs eine subversive, ikonoklastische Bewegung. (…) Jetzt befinden wir uns in einer neuen Ära, in der sich die Historische Aufführungspraxis auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Und das birgt die Gefahr, dass es auf eine eigene Art wieder orthodox wird, das der Funke der Fantasie wieder erlischt. Wir müssen den jungen Musikerinnen und Musikern klarmachen, dass sie kühn sein müssen, nicht gut. Wir dürfen niemals selbstgefällig werden.“

Mit dem stetigen Rückgang der CD-Verkäufe klassischer Musik und einer neuen Generation von Musikhörer*innen, die mit Musik-Streaming aufwachsen, wird es unerlässlich sein, weiterhin über neue und experimentelle Aufnahme- und Produktionsformate nachzudenken. Die Rückkehr zu einem ästhetischen, sozialen und ganzheitlichen Musikerlebnis des Konzertformats, eine Hinwendung zurück zum Musik-Erleben im Konzertformat anstelle einer rein akustischen und klanglichen Rezeption der Musik, wird eine Möglichkeit sein, diesem kulturellen Wandel in einer zunehmend erlebnisorientierten Gesellschaft zu begegnen. In Zeiten der digitalen Akzeleration ist eine weltweite Sehnsucht nach dem Analogen, nach Vinyl, nach Manufakturen, nach dem Originalen zu beobachten. Diese Potentiale des Zeitgeistes können genutzt werden, um die Alte Musik als haptisches, sinnliches und im Konzertmoment gemeinsam entstehendes und einmalig live und kontemplativ erfahrbares Erlebnis zu kommunizieren. Um ein jüngeres Publikum zu erreichen, muss die anachronistische Beziehungsentwicklung des statischen klassischen Konzertrituals auf der einen Seite und die sich verändernde Welt des (Nicht-)Publikums auf der anderen Seite thematisiert werden.

Nicht das »Alte/Antike/Historisierende« der Instrumente ist das Besondere. Es ist das Klangspektrum, das Ausübende und Zuhörende fasziniert. Das gilt es als Alleinstellungsmerkmal zu nutzen und gegebenenfalls mit Verstärkung hörbar und erfahrbar zu machen.

Elina Albach

Es braucht also eine zeitgemäße und moderne Kultur der „Alten Musik“, eine „Neue Alte Musik“. Dies gilt für alle Parameter der musikalischen Praxis, der Terminologie und Definitionen, der Konzertformate, der Klangimmersion und Kommunikation, der Tonträgerindustrie, etc. Die Pioniere der Szene sowie junge Alte-Musik-Ensembles sollten sich im ursprünglichen Sinne der Alte-Musik-Szene weiterentwickeln, als Protestbewegung gegen den allzu etablierten Konzertbetrieb. Um erfolgreich zu bleiben, müssen Ensembles nicht nur für ihre aktuellen Publika relevant bleiben, sondern sich auch aktiv an das Publikum von morgen wenden und sich in einem sich wandelnden Markt und in der Gesellschaft immer wieder neu erfinden und erneuern. Es braucht mehr Innovation statt Imitation und Reproduktion des vergangenen Konzertverhaltens. Dazu bedarf es einer bewusst aktiven Gestaltung neuer künstlerischer Perspektiven sowie der Erforschung neuer Formen der analogen und digitalen Partizipation, der Präsentation (inklusive Klang, Vertonung und Verstärkung) und der experimentellen musikalischen Begegnung. In einer zunehmend globalen und Post-Genre-Welt braucht es mehr internationale Projekte sowie trans- und interdisziplinäre Koproduktionen, mehr gegenseitige Befruchtung unterschiedlichster Kunstgattungen. Ensembles werden zukünftig mehr sein als reine Klangkörper. Um das kulturelle Erbe zukunftssicher zu machen, müssen sie sich auch immer mehr als digitale und analoge Plattform begreifen, als Diskursforum und Inkubator für neue musikalische Impulse und Ideen für die Zukunft der Alten Musik.