Morgen ist die Frage

2020 war ein schwieriges Jahr. Musik, Kunst und Kultur wurden auf ihre ökonomischen Grundlagen und konkreten politischen Entscheidungen zurückgeworfen. Viele Künstler:innen, Kulturschaffende und Zuarbeiter:innen stehen nach dem Jahr von dem Nichts. Denn: Ohne Konzerte kein Publikum, ohne Publikum keine Einnahmen und ohne Einnahmen keine Zukunft. Die aktuelle Krise offenbart die systemischen Schwachstellen unseres Kultursystems und die Fragilität unserer Gesellschaft. Hätte, wäre, wollte, könnte: Der Kulturbetrieb läuft derzeit fast ausnahmslos im Konjunktiv. Von business as usual oder auch nur von Planungssicherheit sind wir auch 2021 noch weit entfernt.

Während keine Konzerte stattfinden konnten, wurde die digitale Sphäre zum kulturellen Hauptschauplatz. Geisterkonzerte aus dem Konzerthaus oder Hauskonzerte aus Musiker:innenwohnzimmern – Klassik-Streamings in unterschiedlichen Formaten, live oder aufgezeichnet, mit wenig oder ganz ohne Publikum vor Ort prägten das virtuelle Musikmachen. Youtube, Instagram, Facebook dienen seit Monaten als Ausweich-Spielstätten. Während deren Umsatz sich kontinuierlich steigert, kommt bei den Musiker:innen ein verschwindend geringer Anteil an. Neben den fehlenden Einnahmen hat das digitale Ersatzprogramm auch seinen anfänglichen Reiz schnell verloren.

Daneben wurde auch offline viel ausprobiert, um Musikveranstaltungen pandemietauglich zu machen. Es gab Schichtbetrieb, Bestuhlung statt Stehkonzerte. Plötzlich wurde das Autokino als neues kreatives Format gefeiert – in Zeiten von Klimawandel schon fast ein Hohn. Die Suche nach coronakonformen Formaten begann. Doch ein Format ohne Inhalt bleibt Verpackung. Wie muss ein Konzert aussehen, damit es wirklich Spannung erzeugt und Emotionen hervorruft? Wie können wir berühren ohne zu berühren? Wie können wir trotz Distanz Nähe zwischen Saal und Bühne erzeugen? Wie sieht das zukünftige Wesen des Konzerts als Ereignis aus, in dem Musik sich manifestiert und erlebbar wird?

Wir als Kulturschaffende wissen, was wir vermissen. Wir wissen aber nicht, was die vermissen, die uns nicht kennen. Denn die Selten- oder Nichtbesucher:innen sind noch weitgehend unerforscht. Ein Großteil des Publikums wird auch in diesem Jahr vorsichtig bleiben. Wir müssen uns also ernsthaft die Frage stellen, warum unser Publikum zurückkommen oder wir gar zusätzliches gewinnen sollten? Auch in Hinblick auf demographische Veränderungen. Warum sollte sich eigentlich irgendjemand für das interessieren, was wir tun? Was hat das Legato eines Pianisten oder die akustische Einschätzung eines neuen Kulturtempels mit den Menschen zu tun?

Wir als Kulturschaffende wissen, was wir vermissen. Wir wissen aber nicht, was die vermissen, die uns nicht kennen.

„Es muss uns gelingen, aus dem Stadium der erzwungenen in das der gewählten Mutation überzugehen“, schrieb der Philosoph Paul B. Preciado in einem Essay zu Beginn der Krise. Das große neue Thema 2021 muss daher Transformation und der Mut zur Veränderung sein. Vieles von 2020 wird bleiben, die Ereignisse werden lange nachwirken. Wir müssen uns jetzt mit der Zukunft beschäftigen. In wirtschaftlicher Hinsicht, aber auch kreativ. Wir müssen entscheiden, wie wir (zusammen)leben wollen und was uns Kunst und Kultur wert ist. Neue Rahmenbedingungen und Infrastrukturen bieten auch die Möglichkeit, strukturelle und grundlegende Probleme, die in der Kulturszene schon lange vor Corona existierten, endlich anzugehen. Neue Finanzierungs- und Förderungsmodelle können eine weitere Prekarisierung der Freien Szene grundlegend verändern.

Natürlich ist es schwierig, im Dauerkrisenmodus an die Zukunft zu denken. Doch ohne von der Politik eingeforderte Indikatoren, Auslastungsvorgaben und Abonnent:innenzahlen haben wir auch plötzlich Zeit und Raum, uns auf die Essenz unserer Arbeit zu konzentrieren und zu reflektieren, was wir tatsächlich tun, warum wir tun, was wir tun und für wen wir tun, was wir tun. Doch tun wir das auch?

Im Zuge einer sich stark verändernden Gesellschaft muss auch die Kunst repräsentativer werden und mehr Räume für Werke von queer, trans, indigenen, schwarzen und farbigen Künstler:innen eröffnen. Die Vielfalt unserer Gesellschaft muss sich zukünftig auch in der Heterogenität von Programmangeboten, von Personen (auf und hinter der Bühne), vom Publikum, von Orten, etc. widerspiegeln. Und nicht nur in „Special Projects“, sondern als selbstverständlicher Teil des Hauptprogramms. Unsere Aufgabe ist es, die Vielfalt kultureller Positionen sicht- und erlebbar zu machen. Wir müssen uns öfter fragen: Wer erzählt eigentlich welche Geschichten für wen? Sexistische und rassistische Dynamiken im Kulturbetrieb müssen klar benannt werden, Ökologie und Nachhaltigkeit auch in einem sozialen Sinne verwirklicht werden.

Es muss uns gelingen, aus dem Stadium der erzwungenen in das der gewählten Mutation überzugehen.

Paul B. Preciado

Die Klassikbranche war vor der Pandemie ein internationaler Markt, es wurde getourt, geflogen, eingeflogen. Für ein einziges Konzert oder einen Opernauftritt einmal um die Erde nach Tokio oder Sydney zu reisen, war keine Seltenheit. Große Orchester geben sich in einer Spielzeit die Klinke in die Hand. Die letzten Jahre waren geprägt von einer zunehmenden Homogenisierung klassischer Musikinterpretation. Interpret:innen werden als Unikate vermarktet, um weltweit in standardisierten Situationen ihre Kunst darzubieten.

In der derzeitigen Situation des Stillstands, einschneidiger Änderungen und existenzieller Herausforderungen machen sich immer mehr Veranstalter:innen auch Gedanken über die große negative Wirkung des Kulturbetriebs auf das globale Klima und die natürlichen Ressourcen. Wie kann der Klassikmarkt in Hinblick auf den Klimawandel neu gedacht werden, wie kann die Branche klimafreundlicher und nachhaltiger werden, ohne ihre CO2-Neutralität bloß zu erkaufen? Wie können wir unsere Besucher:innen für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren und Denkanstöße in die Gesellschaft tragen?

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein wichtiges Thema aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer und sozialer Sicht. Es gibt nicht nur eine wachsende Zielgruppe für solche Konzepte, sondern auch immer mehr Forderungen von Seiten der Ämter sowie Förderer:innen und Sponsor:innen. Auch die neuen Generationen an Musikschaffenden fordern zum Handeln auf oder handeln selbst, in dem sie nur noch Gastspiele annehmen, die mit Bahn oder Schiff zu erreichen sind. Meistens kommen Künstler:innen und Ensembles für ein oder zwei Konzerte an einen Ort, ohne einen wirklichen Bezug zu den lokalen Gemeinschaften aufzubauen. Doch was passiert, wenn Künstler:innen längere Zeit an einem Ort verbringen, ein Teil der Communities werden, mit Schüler:innen arbeiten, mit Menschen über längere Zeit in Kontakt kommen? Was kann entstehen, wenn Künstler:innen und Ensembles als Kulturbotschafter:innen regionale und städtische Kulturarbeit mit Konzerten, Vermittlungsprogrammen, Workshops, etc. leisten? 

Die momentane Krise kann auch als Chance genutzt werden, über digitale Aufführungspraxen und Rezeption von Musik neu nachzudenken. Bislang wird Digitalisierung meist als Marketinginstrument gesehen. Als weiterer Vertriebs- und Verbreitungskanal, aber nicht als künstlerischer Inhalt. Ein gestreamtes Konzert ist per se keine digitale Kunst, sondern zunächst lediglich die digitale Verbreitung von analogem Content. Digitale Kunstformen sollen nicht Live-Konzerte ersetzen, sondern etwas wirklich Neues oder Eigenständiges schaffen. Ohne Gemeinschaftserlebnis und Raumklang, aber dafür mit umso mehr experimenteller Bewegungsfreiheit. Somit eröffnet sich auch die Chance, dass die Grenzen zwischen den Medien und verschiedenen Kunstarten weiter fallen und die Kunst fließender wird.  

Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Diese Zeiten sind jetzt. Gerade in dieser Umbruchszeit müssen wir uns mehr mit der Geschichte des Kommenden beschäftigen anstatt des schon Gewesenen. Besonders in Krisen sind Imagination und Spekulation wichtige Fähigkeiten. Wir brauchen mehr Streitkultur, Dissens und alternative Erzählungen. Reibung erzeugt Energie. Veränderung braucht Verzicht, echte Transformation hat Konsequenzen. Wir können die Welt so beschreiben, wie sie sein könnte. Strukturell und ästhetisch. Alternative Zukunftsvisionen bieten Potenzial für die Gegenwart. Denn: „Morgen ist die Frage.“