Noch nicht das Ende vom Lied?

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„Die klassische Musik ist tot. Wir ergötzen uns heute nur noch an einem verwesenden Kadaver, der als Zombie wohl noch eine ganze Zeit lang Karriere machen wird.“ Mit diesem nekrologischen Paukenschlag leitete der Komponist Moritz Eggert seine Lesung an der Musikhochschule Mainz ein. Über die finale Pointierung dieses drastischen Befunds lässt sich leicht streiten oder eine neue Konzertplattform gründen. Einerseits wurde bereits feuilletonistisch der Tod des Orchesters ausgerufen (Neue Züricher Zeitung im Oktober 1996), doch den vielen Kulturmisanthropen zum Trotz ist die klassische Musik weiterhin höchst lebendig.

Auf der anderen Seite ist in Deutschland mit den feierlichen Konzertsaaleröffnungen der letzten Jahre ein Phänomen zutage getreten, das die Musikwelt in neuem Licht erstrahlen lässt und auf einen Umbruch in der Szene hindeutet. Die Errichtung glanzvoller Häuser, allen voran die Elbphilharmonie, und die aufwendige Sanierung traditioneller Spielstätten wie der Staatsoper Unter den Linden gelten im Land mit der weltweit größten Orchesterdichte und einem einzigartigen Kulturerbe als Zeichen des kulturpolitischen Bekenntnisses.

Wie ist es also um die Zukunft der klassischen Musik tatsächlich bestellt? Diese Frage wird seit nunmehr vielen Jahren im Konzertwesen, in der Wissenschaft, Medien und Politik teilweise heftig diskutiert, wobei die Sorge um das zukünftige Konzertpublikum im Zentrum steht. Dies hat in den letzten zehn Jahren zu einer Breite an Publikationen und Programmen in den Bereichen Audience Development, Music Education und Musikvermittlung geführt. Mit dem Erscheinen des Buches von Martin Tröndle unter dem Titel Das Konzert: Neue Aufführungsformen für eine klassische Form wurde der Diskurs auch um die bisher kaum wahrgenommene Perspektive der Aufführungskultur erweitert. 

Gerade weil die Institution Schule mit ihrer zunehmenden Fokussierung auf sogenannte MINT-Fächer als Reaktion der PISA Studien in den musischen Fächern so oft versagt, sind die Konzert- und Opernhäuser bemüht – gerade für das ganz junge Publikum – durch Vermittlungsprogramme und Kinderkonzerte wieder attraktiv zu sein. Diese Programme haben durchaus zu einem Umdenken und ersten Erfolgen geführt. Auch der wieder steigende Musikunterricht besonders bei Privatlehrern weist darauf hin, dass Eltern das Erlernen eines Instruments durchaus als wichtigen Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung – zumindest innerhalb bürgerlicher Elternhäuser – seine Berechtigung sehen insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Mit dem Verschwinden des Bildungsbürgertums gehört das Erlernen eines Musikinstruments gesamtgesellschaftlich jedoch nicht mehr zum Bildungskanon. Damit schwindet auch der Konsens, dass die traditionelle Hochkultur als Leitkultur dient.

Aktuelle Statistiken, Studien und Medienberichte suggerieren auf der einen Seite, dass die starken Bemühungen im Education- und Vermittlungsbereich der vergangenen Jahre endlich Früchte tragen würden und sich die Kulturinstitutionen nicht um ihre Zuhörer*innen von morgen sorgen müssen. Auf der anderen Seite gibt es keine Studie, die tatsächlich belegt, dass Education-Programme irgendeine Auswirkung auf Besucherzahlen hätten. Vielmehr spiegelt sich die demographische Entwicklung Deutschlands auch in der Publikumszusammensetzung klassischer Konzerte wieder. Eine Studie der Universität Düsseldorf legt sogar dar, dass das Opern- und Theaterpublikum dreimal so schnell altere wie der Durchschnitt der Bevölkerung.

Welchen kulturellen und gesellschaftlichen Stellenwert nimmt das klassische Konzert gegenwärtig also noch ein? Eine 2014 veröffentlichte Forsa-Umfrage der Körber-Stiftung hat ergeben, dass klassische Musik für 88 Prozent der Deutschen ein wichtiges kulturelles Erbe darstellt, aber nur jede/r Fünfte im vorausgegangenen Jahr ein Konzert besucht hat – von den Unter-30-Jährigen sogar nur jede/r Zehnte. Klassische Musik wird als Wert zwar geschätzt, als Ereignis aber kaum genutzt, vor allem nicht von jungen Menschen.

Das Publikum der Konzerthäuser droht also auszusterben. Wie jede Statistik birgt auch diese viel Deutungsspielraum: Sie kann als Krise oder Chance wahrgenommen werden. Als Krise einer Kunstform, die Gefahr läuft, ihre Publikumsbasis zu verlieren. Aber auch als Chance, da die klassische Musik auf ein womöglich viel offeneres Publikum hoffen darf, als bisher angenommen. Doch wenn die Rituale des Konzertbetriebs und die feinen Unterschiede der bürgerlichen Abgrenzung wichtiger sind als die Musik – dann kann man von einer Krise sprechen. Dabei geht es in der klassischen Musik um viel mehr: Das einmalige Erlebnis, das ewig Aktuelle, das innovative Neue, das überraschend Unerwartete, das Aufrüttelnde, das emotional Tiefe und Berührende – das ist die Essenz der klassischen Musik. Darin liegt ihre Zukunft.