Vom Werk zur Aufführung

Die ‚Heiligsprechung’ des Werkes im 19. Jahrhunderts im Zuge der philosophischen Ästhetik hat zu einer zunehmenden Distanzierung zwischen Bühnengeschehen und Publikum geführt. Die daraus gewachsene Selbstreferentialität des Konzerts klammert das irdische Leben größtenteils aus und verhindert somit Anknüpfungspunkte und Identifikation.

In der Musik geht es nicht nur um das Werk sondern vielmehr um das authentische Erleben des Konzertgängers. Diesen Mut zu weniger Werkbetonung durch Einbeziehung außermusikalischer Ergänzungen braucht es, um die langfristige Relevanz klassische Musik zu sichern. Daher hat die Forderung nach einer vollkommen neuen und anderen Idee vom Konzert in Hinblick auf die sich verändernde Gesellschaft durchaus ihre Berechtigung.

Wir brauchen unbedingt einen neuen Umgang mit Kunstmusik, neue Verbindungen in unsere Zeit, eine neue Aufführungskultur jenseits der noch immer vorherrschenden Klischees des 19. Jahrhunderts, die in unserer heutigen pluralen Gesellschaft schlicht nicht mehr ziehen. Wir müssen aufhören mit der elitären Eckensteherei, die unmöglich aus der Musik selbst zu rechtfertigen ist.  (Steven Walter)

Dirk Baecker bringt diese Problematik der klassischen Musik auf den Punkt: „Wir verbauen mit dem Blick in die Vergangenheit unseren Weg in die Zukunft.“ Ein kaum sich änderndes Repertoire und insgesamt standardisierte Konzertprogramme, eine fehlende Intensität und Körperlichkeit – das Konzerthaus verpasst den Anschluss, wenn es sich nicht von den starren, ritualisierten Formen und Konventionen emanzipiertDie Klassische Musik läuft ansonsten Gefahr, sich „zu musealisieren“.

Ohne die Musikzentrierung zu verlieren, kann ein Neudenken des Konzerts konservative Formate variantenreich weiter entwickeln. Auch die Distanz zwischen Bühnengeschehen und Publikum kann durch ein Neudenken des Konzertrituals aufgebrochenen werden. Doch all das darf nicht einer pauschalen Verwerfung alles Tradierten zur Folge haben. Innovation trotz Tradition! In diesem scheinbaren Gegensatz liegt der Reiz, gerade Konzertprogramme, die im traditionellen Rahmen aufgeführt und rezipiert werden, auf zeitgemäße und gesellschaftlich relevante Potenziale zu untersuchen. Denn Klassik besitzt einen emotionalen Tiefgang, den man gerade in Zeiten von digitaler Schnelllebigkeit kaum noch woanders bekommt. Darin liegt auch ihre Zukunft.

Die traditionelle Konzertform, wie sie heute besteht, ist zudem Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Auch die großen Konzerthäuser bieten mit ihrer optimalen Akustik und idealen Hörvorrausetzungen für bestimmte Programme das richtige Umfeld. Um sich gegenseitig zu inspirieren und voneinander zu profitieren, sollten alte und neue Konzertformen in Symbiose miteinander treten und nicht als Entweder-Oder verstanden werden. Eine Ausdifferenzierung der Interpretationspraxis bedarf auch einer sich wandelnde Aufführungskultur, um den zunehmend individualisierten Publikumserwartungen gerecht zu werden. Die Chance besteht dabei in der Pluralität der Aufführungskultur, um somit ein immer diverseres Publikum zu erreichen.

Insbesondere die Neue Musik zeigt, dass unkonventionelle Musik unkonventionelle und außergewöhnliche Orte benötigt. Doch es reicht nicht aus, Stockhausen oder Boulez in Zusammenhang mit Club-Musik zu bringen – klassische Musik wie Neue Musik bedarf sowohl neuer Ansätze der Kuratierung als auch neuer Wege der Vermittlung und Verbindung zwischen Musik und Gesellschaft. Ziel ist es, das Publikum noch mehr „an die Hand“ zu nehmen und durch das musikalische Geschehen erklärend zu führen. Auch der kulturgeschichtliche Kontext, in dem die Musik entstanden ist, sowie aktuelle Berührungs- und Beziehungspunkte sind für die Präsentation und Vermittlung wichtig. Ein neuer Kontext stellt ein musikalisches Programm in einen neuen Wirkungs- und Sinnzusammenhang und ermöglicht somit neue Anschlussmöglichkeiten gerade für ein ungeübtes Musikpublikum. Denn das Bedürfnis nach Aufklärung, nach Bescheidwissen, nach Verstehen bleibt ungesättigt. Aus diesem Vermittlungsanspruch bezieht auch die öffentliche Förderung des klassischen Konzertwesens einen Teil ihrer Legitimation. Neue Aufführungskonzepte und Orte sind daher mehr als modische Begleiterscheinungen, mehr als singuläre Events an exklusiven Aufführungsorten zu begreifen. Denn wenn der Ort zu bloßen inszenatorischen Kulisse wird, bleibt er für das musikalische Verstehen bedeutungslos. Wichtig ist es, Musik im Kontext eines zeitgemäßen Ästhetikbegriffs – welcher Musik in seinen vielfältigen Vernetzungen präsentiert – zu verstehen.

Daher ist eine kreative und innovative Öffnung des eigentlichen Kernprodukts – dem Konzertprogramm – nötig, um das Tradierte für neue Impulse zu öffnen und eine neue Identifikation für ein heutiges Publikum zu schaffen.

Der Ausdifferenzierung der Lebensstile, der Verschiedenheit der Bildungshintergründe, der Erwartung und der kulturellen Geprägtheit der Besucher und vor allem der Noch-Nicht-Besucher müssen ebenso vielseitige und vielschichtige Aufführungskonzepte gegenüberstehen. (Martin Tröndle)

Gerade durch ungewohnte und außergewöhnlichen Inhalte können auch neue und andere Publika für klassische Musik begeistert werden. Denn es gibt kein Publikum, es gibt eine Vielzahl an Publika. Es gilt, diese verschieden Publika anhand verschiedener programmatischer Inhalte und Aufführungsformen anzusprechen.

Während in der Kunst das Neue, das Avantgardistische von Künstler*innen und Publikum gleichermaßen gefeiert und vermarktet wird, scheint die Neue Musik vom Zauber, der in der schnelllebigen Zeit allem Neuen innewohnen zu scheint, nicht zu profitieren. Dabei ist gerade in der klassischen Musik – oftmals als alt und verkrustet verschrieben –  die Programmierung von Neuem so wichtig, um zu zeigen, dass diese Musik nicht still steht, sich weiter entwickelt und nicht nur auf der Vergangenheit beruht. Gerade die Experimentierfreudigkeit – durch die Einbindung junger und zeitgenössischer Komponist*innen in neue innovative Konzertformate – kann zu einer neuen Begeisterung für klassische Musik führen.